Ich glaubte ihm jedes Wort…

Veröffentlich: Mai 08 , 2014
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Während der Gerichtsverhandlung gegen Pistorius traf ich mich mit einem befreundeten Richter. Ich fragte ihn ob er in seiner mehr als 30-jährigen Erfahrung ein Gespür dafür entwickelt hat ob jemand die Wahrheit sagt. Vor allem dann, wenn es in einem Fall keine Zeugen gibt und das Urteil davon abhängt, welcher Version des Geschehens zwischen einem Kläger und einem Beklagten der Richter folgen soll. Ja, meinte er, man bekommt ein Gefühl dafür. Es ist nicht unfehlbar aber normalerweise weiß man wer die Wahrheit sagt.

Ich fragte ihn ob das theatralische Verhalten von Oscar, bestehend aus Tränen, Schluchzen, Würgen, Übergeben und den Kopf  in den Händen verbergen, dazu geführt hat, dass er ihm glaubte oder eher nicht. Mein Juristenfreund meinte, das wichtigste sei die Körpersprache und die Ehrlichkeit von Emotionen lesen zu können aber man müsse in seine Bewertung auch den kulturellen Hintergrund einbeziehen. Zum Beispiel seien wir in Westeuropa darauf getrimmt, Menschen, die uns in die Augen sehen, eher zu glauben. Aber es gäbe eine Reihe von Kulturen, in deren hierarchischem Verständnis es unhöflich sei, jemanden direkt anzublicken. Und das sei kein Zeichen, dass man nicht die Wahrheit spreche.

Glaubwürdigkeit erkennen und Vertrauen können ist im Geschäftsleben genauso wichtig wie in der Rechtsprechung. Wir sitzen in einer Besprechung, oft mit Fremden, und hören ihre Darstellungen (Ich brauche es bis Dienstag, der Wettbewerb ist um 5% billiger, alle haben einer Preissteigerung dieses Jahr zugestimmt) ohne unterstützendes Beweismaterial. Wie abwegig ihre “Fakten” auch sein mögen, ihr Wort steht gegen unsere Meinung.

Die Lösung für uns ist die gleiche wie im Pistorius-Fall – Nachfragen. Der Spezialist hierfür war in meinen Augen der Staatsanwalt Gerrie Nell. Für manche war seine Art der Befragung zu aggressiv. Das ist eine Frage des Stils, aber seine Entschlossenheit Details aufzudecken und Widersprüche ans Licht zu bringen, versetzte ihn, Richter Maspia und uns als Zuschauer besser in die Lage, die Wahrheit zu erkennen. In der Geschäftswelt wird unser Stil weniger aufgeblasen und weniger kontrovers sein, aber die Methode ist die gleiche – wir überprüfen Annahmen, suchen nach Widersprüchen, interpretieren die Ausdrucksweise, hören auf Signale – alles um die Qualität der erhaltenen Informationen zu bewerten.

Als Verkaufsleiter in der Verpackungsindustrie musste ich einmal einen Kollegen zu einem Kunden begleiten. Uns drohte der Verlust eines großen Geschäfts, weil ein Mitbewerber bei gleicher Spezifikation einen Preis anbot, der so niedrig war, dass wir ihn auch bei bestem Willen nicht ansatzweise erreichen konnten. Mein Kollege und ich stellten die Informationen, die wir bekamen, vorsichtig in Frage. Der Kunde war unbeeindruckt und anscheinend sehr offen und ich war so weit, jedes seiner Worte zu glauben. Das heißt, bis wir Nachweise einforderten – wir wollten nicht das gegnerische Angebot sehen sondern die geforderte Spezifikation, um beurteilen zu können, ob es um die gleichen Leistungen ging. Sofort wurde der Kunde unwillig, emotional und aggressiv (obwohl er nicht so weit ging zu schluchzen, sich zu übergeben oder zu schreien). Er beschuldigte uns wir würden ihm nicht glauben und lehnte rundweg ab die Besprechung fortzuführen.

Wir verabschiedeten uns in dem Bewusstsein, das Geschäft verloren zu haben. Aber der Kunde hatte sich selbst in die Ecke gedrängt, weil es das niedrigere Angebot gar nicht gab. Es war ein Trick um unseren Preis zu drücken. Etwa eine Woche später wurde das Meeting wieder einberufen. In einer symbolischen Geste reduzierten wir den Preis und er wahrte sein Gesicht indem er angab, es wäre wegen der Vorarbeiten derzeit zu umständlich den Lieferanten zu wechseln.Vielleicht führt Oscar Pistorius dramatisches Gehabe dazu, dass wir ihn für schuldig im Sinne der Anklage halten – meiner Meinung nach deutet es darauf hin. Aber ausschlaggebend ist die Meinung des Richters. Wir werden es bald sehen.

 

Geschrieben von Stephen White


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