Einig oder unabhängig?

Veröffentlich: Apr 30 , 2014
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Wenn im Jahr 2014 der September näher rückt, glaubt sich Schottland im Zentrum eines politischen Mahlstroms. Tatsächlich folgen viele Europäer sehr interessiert der Unabhängigkeitsdebatte, auch wenn der Rest der Welt sich, wie es scheint, keinen Deut darum kümmert. Macht nichts. Für uns Schotten gilt – wobei nur diejenigen, die im September in Schottland leben, wahlberechtigt sind –  dass unsere Politiker die Chance erhalten ihre Reihen zu schließen und sich mit Leuten oder Parteien zu verbünden, die normalerweise erklärte Gegner sind. Deshalb spricht sich unser früherer Premierminister Gordon Brown zu Gunsten einer „Besser Zusammen“-Kampagne aus – einer Kampagne, die sein Erzfeind, der aktuelle Premierminister David Cameron ebenfalls vertritt.

Auf der einen Seite haben sich die Befürworter der Unabhängigkeit in der Schottischen Nationalen Partei (SNP) organisiert. Sie sind diszipliniert und haben ihre Argumente gut einstudiert, denn sie hatten viel Übung – sie vertreten ihren Fall bereits seit über 50 Jahren. Meistens stießen ihre Argumente bisher auf taube Ohren aber in den letzten 20 Jahren stieg ihre Popularität, bis sie 2007 die amtierende Labour Partei aus dem Amt drängte. Sie formte eine Minderheitsregierung, die 2011 durch eine Mehrheitsregierung bestätigt wurde. Dieser Sieg bereitete den Weg für die Volksbefragung zur Unabhängigkeit in 2014.Andererseits haben die drei größten britischen Parteien, die Konservativen, die Liberaldemokraten und die Labour-Partei eine wackelige Allianz geschmiedet, „Besser Zusammen“ genannt, um gegen die Unabhängigkeit zu kämpfen. Normalerweise  sind sie erbitterte Feinde (obwohl die Liberalen und die Konservativen nach der Parlamentswahlwahl 2010 ein Bündnis bildeten), deshalb ist es eine schwierige Partnerschaft. Sie waren in der Defensive weil sie den Status Quo verteidigten, während die geeinte SNP offensiv agieren konnte indem sie auf Veränderung drängte. Obwohl Umfragen regelmäßig ergaben, dass die Mehrheit der Schotten in der Union bleiben wollen, sieht man mittlerweile doch, dass die Kluft kleiner wird, was bedeutet, Schottland könnte sehr wohl unabhängig werden – drei Jahre zuvor ein Ding der Unmöglichkeit.

Man kann hier viele Parallelen zu Verhandlungen ziehen und einiges daraus lernen.

  • Die SNP will Vorverhandlungen vor dem Volksentscheid. Tatsächlich gibt es dafür keinen Bedarf, weil zwischen dem Referendum und der Durchführung ein Zeitraum von zwei Jahren angesetzt ist. Aber die Tatsache, dass die „Besser Zusammen“-Anhänger dagegen sind, kann durch die Unabhängigkeitsverfechter als „negativ“ ausgelegt werden.
  • Die SNP steht für Veränderung, während die „Besser Zusammen“-Kampagne den Status Quo erhalten will. Vom Standpunkt der Verhandlung aus raten wir allen, die Veränderung wollen, offensiv zu sein und Vorschläge zu machen – genau was die SNP macht. Das hat den politischen Effekt, sie aktiv aussehen zu lassen, während ihre Gegner defensiv erscheinen.
  • Die SNP hat eine Reihe von Annahmen getroffen – z.B. das Vereinigte Königreich würde einem unabhängigen Schottland erlauben in der Sterling-Zone zu bleiben und Europa würde ein unabhängiges Schottland als Mitglied der Europäischen Union begrüßen. Die Partei spricht selbstbewusst über diese Pluspunkte der Unabhängigkeit. Natürlich müsste sich die „Besser Zusammen“-Kampagne die Zeit nehmen diese Annahmen zu dementieren aber, da sie es wiederum nicht tut, erscheint sie negativ und defensiv.

All das zeigt, dass Politik und Verhandlung keine natürlichen Bettgenossen sind. Was in Verhandlungen funktioniert, lässt sich nicht (wird nicht) unbedingt auf die Politik übertragen.

Wo steht nun Scotwork? Es muss wohl nicht gesagt werden, dass einige meiner Kollegen für die Unabhängigkeit und andere dagegen sind. Viele meiner englischen Kollegen beklagen, dass sie nicht abstimmen dürfen und deshalb ihr Standpunkt nicht gehört wird. Einige wollen sogar ein unabhängiges England! Um Gottes Willen! Wo soll das enden?

 

Geschrieben von Robin Copland


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