Die Machtlosigkeit des Verhandlungsführers

Veröffentlich: Aug 08 , 2014
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Während ich hier schreibe, geht der Konflikt im Gaza-Streifen weiter, und 3000 km weiter nördlich kämpfen in der Ukraine die westlich orientierten Kräfte gegen die ostwärts gerichteten. Die Kollateralschäden sind in beiden Fällen verheerend; Männer Frauen und Kinder, die mit der politischen oder ideologischen Bewegung nichts zu tun haben, werden durch Raketen und Panzergranaten verletzt und getötet. Wahllos werden die Bevölkerungszentren beschossen oder Verkehrsflugzeuge vom Himmel geholt.

Es gibt viele Übereinstimmungen und manche Unterschiede zwischen den beiden Konflikten aber auch wenn ich mir eine Meinung gebildet habe, ist es nicht meine Absicht über angemessene Reaktionen, Mitgefühl, Unverhältnismäßigkeit oder Richtig und Falsch zu urteilen. Es ist jedoch offensichtlich, dass in den vorliegenden Situationen die Verhandlungsführer machtlos und Verhandlungen nutzlos sind. (Man sollte diese Behauptung auf seine Richtigkeit und die möglichen Erwiderungen untersuchen.)

Verhandeln ist eine Möglichkeit die Konflikte zweier Parteien zu lösen, wenn eine Lösung erwünscht ist. Ist die Zielsetzung allerdings nicht die Einigung sondern das Gewinnen, dann kommt es auch nicht zur Verhandlung. Nicht einmal zur Mediation. Wir müssen keine Angst haben vor der psychologischen Entscheidung, gewinnen zu wollen. Es genügt zu wissen, dass es eine tief verankerte Anlage in uns Menschen ist. Wir können getrost annehmen, dass sie gegen jede Art Behandlung immun ist. Die Ansicht, die Welt sei irgendwie außer Kontrolle, könne aber durch sinnvolle Übereinkünfte, liberale Haltungen und etwas mehr Menschlichkeit geheilt werden (was ironischerweise Grundlage des jüdischen, christlichen und islamischen Gedankenguts ist) ist erwiesenermaßen falsch. Wenn eine Wunde geheilt ist, bricht der Konflikt an anderer Stelle wieder aus.

Als Verhandlungsführer geht man davon aus, moralisch höher zu stehen. Die eigenen Konfliktlösungsmethoden scheinen besser zu sein, weil sie weniger gewalttätig und damit klüger sind. Vielleicht sogar fairer, weil sie allen Schattierungen in einer Argumentation Raum geben und einen Kompromiss erreichen wollen. Schöne Theorie, aber in der wahren Welt sind die Verhandlungsergebnisse zwischen Parteien mit unterschiedlicher Machtposition meist verzerrt und ungerecht (denken Sie an die Versailler Verträge am Ende des I. Weltkriegs). Deshalb vermeiden es Konfliktparteien zu verhandeln, sie wollen ein ungerechtes Verhandlungsergebnis vermeiden.

Das Ergebnis ist, dass schwächere Parteien Verhandlungen scheuen und sich lieber entscheiden den Kampf fortzusetzen, selbst wenn die Chancen gegen sie stehen. Kurzzeitige Verluste sind nur kleine Rückschritte auf dem Weg zu einem unvermeidlichen Endsieg. Und das ist auch der Grund, warum die stärkeren Parteien nicht auf eine großzügige Linie umschwenken, beispielsweise indem sie einseitig auf Gewalttätigkeit verzichten um Verhandlungen zu ermöglichen. Einseitiges Einlenken wird sofort als Sieg für die andere Seite gewertet.

Warum bemühen sich also die Verhandler, Mediatoren und Friedensstifter wie der UN Generalsekretär Ban Ki-moon oder der US-Außenminister John Kerry oder Papst Franziskus weiterhin? Weil sie glauben ihr permanent wiederholtes Mantra, die Konfliktparteien müssten die Kriegshandlungen einstellen und sich an  einen Tisch setzen, hätte einen zermürbenden Effekt. Offensichtlich funktioniert es, denn die Parteien setzen sich immer wieder hin und sprechen miteinander. Aber ich glaube, hier werden Ursache und Wirkung verwechselt. Die Konflikte gehen weiter, bis eine Partei gewonnen hat, oder zumindest bis die Belastung durch Kollateralschäden so groß wird, dass die eigentlichen Absichten verblassen.

Gibt es einen besseren Weg? Meiner Meinung nach können Konflikte wie jene, in denen zwei Parteien Anspruch auf das gleiche Stück Land erheben, niemals gelöst werden. Deshalb sind alle Verhandlungen, die auf langfristige Ziele setzen, zum Scheitern verurteilt. Ein besseres Ziel wäre ein stabiles Machtungleichgewicht – die Parteien akzeptieren, ihr Problem nicht durch einen Sieg gelöst zu haben, sondern weil die Kosten des Kampfes so hoch sind, dass eine Fortsetzung keinen Sinn hat. Diese Art eines unsicheren Friedens sehen wir für alle Teile der Welt, einschließlich Nahost (1948-1967) und Ukraine (1991-2014).

In Großkonflikten sind Verhandlungsführer immer begrüßenswert und notwendig. Dass sie es nicht schaffen, die Parteien zu einem Waffenstillstand zu zwingen, ist nicht ihr Fehler. Es liegt am Versagen der früheren Verhandlungen, die einen fragilen Frieden versprechen, der aber bei nächster Gelegenheit sofort gebrochen wird. Zum Teil wird es daran liegen, dass keiner den Hut zieht und es keine Schlagzeilen gibt, wenn man eine Katastrophe verhindert.

 

Geschrieben von Stephen White


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