Deshalb mag ich Verhandlungen

Veröffentlich: Sep 28 , 2014
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Am Tag der Wahl zur schottischen Unabhängigkeit wissen wir genau so viel wie die Experten – das Ergebnis ist nicht vorhersehbar. Aber wir können voraussagen, dass die Schotten, welches Ergebnis sie auch immer erzielen, ihre Grundlage für eine gut funktionierende Demokratie verlieren werden.

Egal wer die Mehrheit erringt, das Ergebnis wird sehr eng sein – 51/49 oder 52/48 oder etwas Ähnliches. Das bedeutet, dass in jedem Fall etwa die Hälfte der Bevölkerung genau das kriegt, was sie nicht will.

Eine einfache Mehrheit hat bei solch polarisierenden Entscheidungen etwas grundlegend Undemokratisches. Es gibt nur schwarz oder weiß, keine Übergangslösung, keine Grautöne. Genau wie eine Frau nur schwanger oder nicht schwanger sein kann (ein bisschen schwanger gibt es nicht), kann es nach einem Referendum nicht „ein bisschen unabhängig“ geben. Und alle Versprechen über erweiterte Machtbefugnisse machen Schottland kein bisschen unabhängiger, wenn die Nein-Seite gewinnt.

Sehen Sie sich den demokratischen Prozess in Ägypten, 2012 an. Nach Jahrzehnten der Diktatur in der Mubarak-Ära (die Wahlen in dieser Zeit waren nachweislich fingiert), hatten die Wahlberechtigten im arabischen Frühling die Wahl zwischen weltlichen und religiösen Parteien. Die mächtigste davon war die Muslim Bruderschaft unter Mohammed Mursi. Mursi gewann schließlich im zweiten Wahlgang mit 51,7%. Die Wahlbeteiligung lag bei nur 52% – ich erwarte, dass sie in Schottland weit höher liegen wird.

Hier haben wir ein klassisches Beispiel für polarisierende Wahlen, die, in einer Prinzipienfrage zwei gegensätzliche Meinungen erzeugen – im Falle Ägyptens die Wahl zwischen einer weltlichen und einer religiösen Regierung. Es gab vielversprechende Worte über die offene neue Regierung, aber wenn die Offenheit gegen lang gehegte Werte verstößt, kann sie nicht bestehen. Präsident Mursi musste Maßnahmen ergreifen, um seiner Partei eine Regierung im Einklang mit ihrer religiösen Einstellung zu ermöglichen. Die unzufriedene 48% Minderheit sah sich daraufhin zur Gegenwehr gezwungen, ließ ihn verhaften und setzte seine Regierung ab.

Ich denke, meine schottischen Freunde werden sagen, es wäre ein großer Unterschied zwischen Kairo und Edinburgh, speziell wenn es um politische Willensbildung und Werte geht. Ich bin mir da nicht so sicher. Das Phänomen der Siegerwillkür, der Idee, eine gewonnene Wahl, egal wie klein der Vorsprung, berechtige die Mehrheit zu tun was sie will, ist sehr verführerisch. Wenn die Entscheidung gefallen ist, gibt es keinen Platz für Kompromisse – Schottland wird unabhängig sein oder nicht, und die Machthaber werden ihren Grundsätzen folgen.

Deshalb glaube ich, dass der Gedanke einer Volksbefragung von vornherein falsch war. Es wäre besser gewesen, wenn diejenigen, die eine Unabhängigkeit anstrebten, sich mit ihren Gegnern in Schottland und dem Rest von Großbritannien an einen Tisch gesetzt hätten. Sie hätten versuchen sollen einen Mittelweg zu verhandeln. Per Definition bietet eine Verhandlung weit mehr Lösungen und vielschichtigere Möglichkeiten als eine pure Ja/Nein-Entscheidung.

Jetzt ist es zu spät.

Geschrieben von Stephen White


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