Die Schuld des Unterlassens

Veröffentlich: Sep 20 , 2013
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In der Woche als die britische Regierung es nicht schaffte, im Parlament einen Militäreinsatz gegen den Gebrauch von chemischen Kampfstoffen in Syrien zu verbschieden, las ich von einem interessanten Phänomen, das dieses Versagen erklären kann, und über das sich Präsident Obama Gedanken machen sollte, weil er die gleiche risikoreiche Strategie benutzte, nämlich den Kongress vor einem Militäreinsatz zu befragen.

Dieses Phänomen ist als „Unterlassungseffekt“ bekannt und wurde am 28. August von Daniel Finklestein in einem Kommentar für die London Times angeführt. Er erklärte es an folgendem Beispiel: Nehmen wir eine Kinderkrankheit an, die als Epidemie fatale Folgen hat – 10 von 10.000 erkrankten Kindern sterben. Als jemand einen Impfstoff erfindet, hat dieser Nebenwirkungen – 5 von 10.000 Kindern müssen sterben. Würden Sie Ihr Kind impfen?

Der Unterlassungseffekt sagt aus, dass viele Eltern eine Impfung ablehnen würden, weil sie das Gefühl haben, nichts zu unternehmen (sogar wenn dies negative Folgen hätte) ist besser als etwas zu unternehmen, was möglicherweise aktiv zu einer Tragödie beiträgt, wenn auch in kleinerem Maßstab.

So haben die Politiker in der Vielfalt ihrer Begründungen, warum ein Militäreinsatz in Syrien abgelehnt wird, vielleicht den Unterlassungseffekt als Ursache. Nichts zu unternehmen könnte eine Katastrophe zur Folge haben aber wenigstens können sie ihre Hände in Unschuld waschen. Denn wenn sie sich beteiligen und es kommt zur Katastrophe, machen sie sich (oder fühlen sich) auf jeden Fall schuldig.

Tatsächlich gehört der Unterlassungseffekt zu einer ethischen Zwangslage mit Namen Trolley Problem. In diesem Szenario rast eine Straßenbahn auf 5 Leute zu, die auf den Schienen festgebunden sind. Wenn die Straßenbahn sie erfasst, sterben sie. Aber Sie stehen neben einem Weichenhebel und wenn Sie ihn betätigen wird die Bahn auf ein anderes Gleis geleitet. Unglücklicherweise ist auf diesem Gleis eine Person festgebunden, die sterben wird, falls Sie die Bahn umleiten. Würden Sie den Hebel betätigen?

Wiederum geht es um eine vermeintliche Schuldhaftigkeit. Untätigkeit bedeutet 5 Tote, aber ohne Ihr Zutun – es wäre Schicksal. Den Hebel umzulegen hätte nur einen Toten zur Folge aber Sie wären daran beteiligt. Könnten Sie mit dieser Schuld leben?

Viele Verhandler leiden unter diesem Unterlassungseffekt. Er kann am Ende einer harten Verhandlung passieren, wenn um jedes Zugeständnis gekämpft, und jede Bewegung zäh erstritten werden musste. Aber die Parteien einigen sich in der Mitte und es kommt zu einem Abschluss. Anschließend erkennt eine Partei, dass durch einen schwerwiegenden Fehler des Innendienstes in der Kalkulation, der Gewinn komplett aufgefressen wird. Was ist jetzt offensichtlich zu tun? Der Fehler muss zugegeben und die Verhandlung wieder aufgenommen werden.

 

 

 Aber sie tun es nicht! Sie lassen es bei diesem lausigen Ergebnis und fühlen sich kreuzunglücklich. Warum weigern sie sich das Gespräch wieder aufzunehmen? Vielleicht liegt es, zumindest teilweise, am Unterlassungseffekt. Aktiv werden und die Verhandlung wieder aufnehmen könnte ein Unglück herauf beschwören – der ganze Abschluss könnte kippen. Also bleiben sie ruhig und leben mit einem vielleicht viel größeren Übel – dem unrentablen Geschäft – aber wenigstens sind sie nicht schuld daran. Verrückt!

Unterlassen ist ein zumindest fragwürdiger Ersatz für Entscheidungen;  problematisch vor allem wenn es zur Unterlassungssünde wird.

 

Geschrieben von Stephen White


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