Gedanken für 2013

Veröffentlich: Dez 27 , 2012
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Unempfindliche Menschen haben den Ruf, in ihren Verhandlungen die Konfrontation zu suchen – und natürlich auch außerhalb. Als Beispiel für diesen Menschenschlag fallen mir spontan die New Yorker Taxifahrer ein. Aber: Ausnahmen bestätigen die Regel und auch wenn dieser Blog ausnahmsweise nicht viel mit Verhandeln zu tun hat, so passt er doch in die vorweihnachtliche Zeit. Als Beispiel für kooperatives Verhalten und die Wirkung von Gesten des guten Willens.

Ein New Yorker Taxifahrer erzählt folgende Geschichte:

Ich kam an der beschriebenen Adresse an und hupte. Nach ein paar Minuten Wartezeit hupte ich wieder. Da dies meine letzte Fahrt der Schicht werden sollte, ich dachte kurz daran, einfach wegzufahren, aber stattdessen parkte ich das Auto, ging zur Tür und klopfte. „Nur eine Minute“, antwortete eine gebrechliche, ältere Stimme. Ich konnte hören, etwas über den Boden gezogen wird.

Nach einer langen Weile öffnete sich die Tür. Eine kleine Frau in den 90ern stand vor mir. Sie war bekleidet wie jemand aus einem 40er-Jahre-Film.

An ihrer Seite stand ein kleiner Koffer. Die Wohnung sah aus, als ob seit Jahren niemand darin gelebt hätte. Alle Möbel waren mit Staub bedeckt. Es gab keine Uhren an den Wänden, keine Bilder oder Geschirr an der Küchenzeile.

„Würden Sie meine Tasche zum Auto tragen?“, fragte die Dame. Ich trug den Koffer zum Taxi und ging dann zurück, um der Frau weiter zu helfen.

Sie nahm meinen Arm und wir gingen langsam in Richtung des Wagens. Sie dankte mir für meine Hilfsbereitschaft. „Kein Ursache“, sagte ich ihr. „Ich versuche nur meine Passagiere so zu behandeln, wie ich gerne hätte, dass meine Mutter behandelt würde.“

„Oh, Sie sind ein guter Junge“, sagte sie. Im Wagen angekommen gab sie mir eine Adresse und fragte: „Können Sie durch die Innenstadt fahren?“ „Es ist nicht der kürzeste Weg.“ antwortete ich schnell. „Oh, das ist mir egal“ sagte sie. „Ich bin nicht in Eile“.

Ich schaute in den Rückspiegel. Ihre Augen waren feucht. „Ich habe keine Familie mehr“ fuhr sie mit weicher Stimme fort. „Der Arzt sagt, ich habe nicht mehr sehr lange.“ Ich beugte mich unauffällig über den Taxameter und schaltete das  Gerät ab. „Welchen Weg soll ich nehmen?“ fragte ich.

Die nächsten zwei Stunden fuhren wir durch die Stadt. Sie zeigte mir das Gebäude, in dem sie als Aufzugsbetreuer gearbeitet hatte. Wir fuhren durch das Viertel, in dem sie und ihr Ehemann gelebt hatten, als sie jungvermählt waren, dann vor ein Möbellager, das einst ein Ballsaal gewesen war und in dem sie als Mädchen tanzen gegangen war.

Manchmal bat sie mich, vor einem bestimmtem Gebäude oder einer bestimmten Ecke langsam zu fahren und schaute ruhig in die Dunkelheit.

Als die ersten Sonnenstrahlen am Horizont auftauchten, sagte sie plötzlich: „ich bin müde. Jetzt gehen wir“.

Wir fuhren schweigend zu der Adresse, die sie mir gegeben hatte. Es war ein niedriges Gebäude mit einer überdachten Einfahrt. Auf dem Schild stand „Hospiz“.

Zwei Pflegekräfte kamen zu uns heraus, sobald wir anhielten. Sie waren besorgt und sehr aufmerksam, beobachteten jede Bewegung der alten Dame. Sie mussten sie schon erwartet haben.

Ich öffnete den Kofferraum und stellte den kleinen Koffer vor die Tür. Die Frau saß bereits im Rollstuhl. „Wie viel schulde ich Ihnen?“, fragte Sie während sie in ihr Portemonnaie griff. „Nichts“, sagte ich. „Sie müssen ihren Lebensunterhalt verdienen“ antwortete sie. „Es gibt andere Passagiere“, antwortete ich.

Ohne nachzudenken, beugte ich mich vor und umarmte sie. Sie hielt mich fest.

„Sie haben einer alten Frau einen kleinen Augenblick der Freude beschert“, sagte sie. „Danke.“

Ich drückte ihre Hand, und ging dann im Morgenlicht zum Wagen zurück. Hinter mir schloss sich eine Tür. Es war wie der Klang, der ein Leben abschloss.

Ich hatte keine Fahrt mehr in dieser Schicht. Ich fuhr ziellos und in Gedanken versunken. Für den Rest des Tages konnte ich kaum sprechen. Was wäre passiert, wäre diese Frau an einen wütenden oder ungeduldigen Kollegen am Ende seiner Schicht geraten wäre? Was wäre passiert, wenn ich mich geweigert hätte, die Fahrt anzunehmen oder wenn ich nach einmaligem Hupen davon gefahren wäre?

Bei kurzem Nachdenken glaube ich nicht, dass ich jemals etwas Wichtigeres in meinem Leben getan habe. Wir sind konditioniert zu glauben, dass sich unser Leben um Sternstunden dreht.

Aber große Momente sind uns oft nicht gleich bewusst oder wir erkennen sie gar nicht als solche.

Wir hoffen, dass alle Ihre Verhandlungen im Jahr 2013 kooperativ und kreativ sind.

 

Geschrieben von Stephen White


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